Der Ball ist wund

Bei der Fußball-EM wird nicht nur über den Chip im Ball, sondern auch über die inhaftierte, ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko diskutiert. Nicht zum ersten Mal treffen Fußball und Politik aufeinander. Vier Beispiele von 1974 bis heute.

Von Amelie Herberg und Anuscha Loza

Fußball-WM 1974 in Deutschland:

Bei der ersten Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land lautet eine Begegnung in der Vorrunde: Deutschland gegen Deutschland. Es spielt die Bundesrepublik gegen die Deutsche Demokratische Republik. Zum Held des Spiels wird aus Sicht der DDR Jürgen Sparwasser, der den 1:0-Siegtreffer erzielt. Er wird viele Jahre später gegenüber dem Tagesspiegel sagen: „Natürlich war das kein normales Spiel. Dass nacheinander beide deutschen Nationalhymnen gespielt wurden, wann hat es das sonst gegeben?“ Für die DDR ein Triumph über die BRD, deren Nationalmannschaft unter Trainer Helmut Schön trotzdem später Weltmeister werden wird.

Fußball-WM 1978 in Argentinien:

Als 1978 Fußball-Nationalmannschaften aus der ganzen Welt zur WM nach Argentinien reisen, regiert dort die Militär-Junta. Das Regime will das Turnier nutzen, um sich gegen die internationale Kritik am Umgang mit Oppositionellen und Aufständischen zu wehren und sich als offener, gut organisierter Gastgeber zu präsentieren. Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft scheint die politische Situation im Land wenig zu interessieren. Nationalspieler Manfred Kaltz sagt: „Ich fahr da hin, um Fußball zu spielen, nichts sonst. Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird. Ich habe andere Probleme.“ In den Medien wird vielmehr das schwache Abschneiden der deutschen Elf thematisiert. Was heute von der WM 1978 in Erinnerung geblieben ist, ist vor allem die ‚Schmach von Cordoba‘, bei der deutsche Nationalmannschaft gegen die Elf aus Österreich mit 2:3 verliert.

Fußball-EM 1992 in Schweden

Die Spieler der dänischen Nationalmannschaft sind nach dem Ende der Saison quasi schon auf dem Weg in den Urlaub, als der Dänische Fußball-Verband die Nachricht erhält, dass Jugoslawien wegen des Krieges aus dem Turnier ausgeschlossen wird, die dänische Nationalmannschaft soll stattdessen nachrücken. Die Medien stellen die Dänen vor allem als Spaß-Elf dar, die nicht als sportlich ernstzunehmender EM-Teilnehmer anzusehen ist. Zur Überraschung aller zieht Dänemark jedoch bis ins Finale ein und gewinnt schließlich gegen Deutschland. „Danish Dynamite“ ist Europameister, obwohl ihre Teilnahme am Turnier erst aus politischen Gründen möglich geworden war.

Fußball-WM 2010 in Südafrika

2010 findet die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden im südlichsten Zipfel des Kontinents statt. Bestimmendes Thema in den deutschen Medien ist vor dem Turnier die hohe Kriminalitätsrate und die schlechte Organisation des Turniers. Tatsächlich präsentiert sich Südafrika jedoch als guter Gastgeber. Die einzigen negativen Schlagzeilen, die die WM in Deutschland macht, beschäftigen sich mit den Vuvuzelas. Fifa-Präsident Sepp Blatter hatte das Turnier immer wieder als Chance zum Aufbruch für den gesamten Kontinent beschrieben. Tatsächlich profitieren selbst die direkten Nachbarn Südafrikas jedoch wenig. Als letzte afrikanische Mannschaft scheidet Ghana aus dem Turnier im Viertelfinale gegen Uruguay aaus. In der letzten Minute der Nachspielzeit einer dramatischen Partie vergibt Ghana einen Sieg und verliert schließlich im Elfmeterschießen.

(Ein Video zum Skandalspiel Uruguay-Ghana finden Sie hier).

Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine

36 Jahre nach der letzten Fußball-EM im Osten Europas, damals in Jugoslawien, findet die EM 2012 in Polen und der Ukraine statt. Der Eiserne Vorhang ist seit mehr als 20 Jahren gefallen, Polen ist Mitglied der Europäischen Union, die Ukraine zumindest auf dem Weg dorthin. Der Fall der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko löst jedoch einige Wochen vor dem Turnier internationale Diskussionen über die politische Situation im Gastgeberland aus, viele fordern einen Boykott des Turniers. Tatsächlich bleibt die Mehrheit der Politiker den Spielen in der Ukraine fern. Trotz großer Erwartungen scheiden beide Gastgeber in der Vorrunde aus. Der Auftaktsieg der Ukraine im Spiel gegen Schweden bleibt aus sportlicher Sicht das einzige Highlight für die Gastgeber.

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