Über das Projekt

Eine Fußball-Europameisterschaft gibt es alle vier Jahre — und das jetzt schon seit 1960. Nichts besonderes also, könnte man meinen. Doch die Vergabe einer Turnierausrichtung ist mit der Zeit mehr geworden als nur der Auftrag zur Veranstaltung eines Turniers.

Immer öfter ist eine solche Veranstaltung auch ein politisches Statement, ob nun gewollt oder nicht. Und unversehens können in einer Welt der globalen, schnellen und kaum mehr zu kontrollierenden Nachrichten auch Probleme und Diskussionen auftauchen, mit denen bei der Vergabe noch niemand gerechnet hatte…

Danzig, die Werft, 30 Jahre danach: Immer noch ein historischer Ort. Jetzt ist der Fußball in de Stadt – und wirft die Frage auf: Wo stehen Polen und die Ukraine heute? (Foto: Christian Jakubetz)

Beispiel Ukraine: Als sich die Uefa 2007 — etwas überraschend — dafür entschieden hatte, die Euro 2012 an Polen und die Ukraine zu vergeben, da war die Ukraine ein vermeintlich anderes Land als heute. Vor gerade mal fünf Jahren wähnte man die Ukraine auf dem möglichen Weg in eine junge Demokratie, die sich aus den Klauen des großen Nachbarn Russland befreien und ihren eigenen Weg gehen könnte. Namen wie der von Julia Timoschenko standen zumindest bei einer oberflächlicheren Betrachtung für eine gute Zukunft (dass Frau Timoschenko in der Ukraine nie so unumstritten war wie bei uns, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt!) 2012, kurz vor dem Start in das Turnier, sah die Lage plötzlich ganz anders aus: Inzwischen gefallen sich Politiker darin, demonstrativ ihren Besuch der Europameisterschaft abzusagen.  Die Ukraine gilt urplötzlich eben nicht mehr als ein Land der Hoffnung, sondern als eines, das kurz vor dem Rückfall in alte Sowjetzeiten steht und einigermaßen diktatorische Methoden anwendet.

Man bemerkte während der Jahre der Vorbereitung aber auch anderes:  Sind Länder wie Polen und die Ukraine schon so weit, bei solchen wirtschaftlichen und organisatorischen Kraftakten mit dem Westen zu konkurrieren? Zumindest an der Ukraine gab es lange Zeit große Zweifel, immer wieder tauchten sogar die vielleicht nicht immer ernstzunehmenden Fragen auf, ob nicht im Fall der Fälle Deutschland den Part des zweiten Gastgeberlandes übernehmen sollte. Zumindest steht aber wohl fest, dass die Unterschiede zwischen den beiden ehemaligen europäischen Blöcken doch noch etwas größer sind als man ursprünglich hätte vielleicht vermuten können.

Die verwirrende Debatte um die Ukraine steht exemplarisch auch für anderes: Was wissen wir überhaupt über die Länder des früheren Ostblocks? Über Länder, die zumindest aus (west)deutscher Sicht für Jahrzehnte einfach mal hinter einem eisernen Vorhang verschwunden waren, die nicht in unserer Wahrnehmung stattfanden, obwohl sie nichts anderes als unsere Nachbarn waren. Der Fußball lenkt zunehmend den Blick  auch auf uns eher unbekannte Regionen, seitdem die Uefa und die Fifa dazu übergegangen sind, Turniere nicht halbautomatisch an die großen und bekannten Fußballnationen zu vergeben.  Die Euro 2012 ist aber auch noch in anderer Hinsicht eine Besonderheit: Es ist das erste Mal, dass ein solches fußballerisches Großereignis im ehemaligen Ostblock stattfindet. Eine Doppel-Gastgeberschaft gab es mit Österreich und der Schweiz ja schon vor vier Jahren. Doch verglichen mit Basel oder Innsbruck lesen sich Spielorte wie Lwiw oder Breslau (ebenfalls aus westlicher Sicht) schon fast exotisch.

Für eine Woche haben 12 junge Journalisten aus Deutschland, Polen und der Ukraine die Gelegenheit, hinter die Kulissen zu schauen. Eine Woche lang sind sie in Gdansk, einem der Spielorte der Euro2012. Und nein, es geht auf dieser Seite (und dem dann demnächst erscheinenden Heft) nicht darum, Sportberichterstattung zu betreiben. Es geht um die Geschichten hinter den Geschichten: Was macht der Sport mit diesen Ländern? Ist er wirklich eine Chance, um die politische und wirtschaftliche und vielleicht sogar auch die sportliche Entwicklung weiterzutreiben? Oder ist am Ende dann doch nur einer der Gewinner, nämlich die Uefa?

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